Ilztaldrama

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Aller Anfang ist schwer. Das galt auch für die Ilztalbahn, als die Konzession für den Bau der Strecke erstmalig am 13. Januar 1886 durch das “königlich-bayerische Staatsministerium des Königlichen Hauses und Äußeren” ausgestellt wurde. Ja, auch die Bayern stehen in Sachen “hochtrabende Amtsbezeichnungen” den Österreichern in nichts nach. Jedenfalls wurde Mitte 1887 mit dem Bau der Strecke begonnen.

Zu Beginn war die Strecke nur für Lokalbahnlokomotiven wie die BB II-Malletlokomotiven geeignet, da sie nur eine geringe Last tragen konnte. Später wurde sie aufgrund der “Bedürfnisse” des Zweiten Weltkrieges deutlich verbessert, damit neben den Dieseltriebwagen der Baureihen 135 und 137 auch etwas schwerer beladene Züge darauf fahren konnten.

Eine BB II - http://goo.gl/RpoCmB
Eine BB II – http://goo.gl/RpoCmB

Natürlich fuhr auch einer der Klassiker auf der Strecke, die BR 64. Manche kennen diese Lokomotiven vermutlich aus dem Kinderzimmer. Während des Krieges waren Zugstrecken wie diese starkem Beschuss ausgeliefert. Vor allem die Kachletbrücke war stark betroffen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges dominierten Schienenbusse die Strecke, bis der Verkehr ab 1980 nach und nach zurückgefahren wurde. Kein Sonntagsverkehr, nur 4 Zugpaare pro Werktag. Da sich auch niemand mehr um den Erhalt der einzelnen Streckenabschnitte kümmerte, wurde der Betrieb ein paar Jahre später für den Personennahverkehr eingestellt.

Lediglich Güterzüge verkehrten, da diese für die Zahnradfabrik, Wohnwagenhersteller Knaus und die Bundeswehr von Bedeutung waren. Zwar wurde eine Untersuchung angestellt und ein Fahrgastpotential von 760 Fahrgästen von Montag bis Freitag festgestellt, bzw. für den Abschnitt Freyung – Waldkirchen 1700 Fahrgäste, dennoch wurde die Strecke nicht weiter beachtet. Stattdessen wurden die Preise für den Unterhalt der Strecke deutlich erhöht, was die Bundeswehr dazu verleitete den Güterverkehr darauf einzustellen.

Nun blieben lediglich die Sonderfahrten der Passauer Eisenbahnfreunde und die Zahnradfabrik. Das Hochwasser von 2002 gab der Ilztalstrecke gewissermaßen den Rest. Infolge der Ereignisse erklärte die DB Netz AG die Wiederherstellung unwirtschaftlich. Daher wurde die Strecke am 1. Aprill 2005 endgültig stillgelegt.

Ilztalbahn - http://goo.gl/Ok32yy
Ilztalbahn – http://goo.gl/Ok32yy

Es gab Kaufinteressenten, doch Verhandlungen mit der DB Netz AG scheiterten. Den Grund dafür konnte ich leider nicht finden. Vermutlich preislicher Natur.

Die Jahre danach litt der ohnehin schon verwahrloste Abschnitt weiter unter dem Verfall. Zudem wurden Teile bereits rückgebaut, die Bahn hatte dafür schon die Erlaubnis bekommen. Inwieweit der Rückbau einer Strecke günstiger sein soll als der Betrieb, ist mir nicht klar. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Strecke der tschechischen Seite von Budweis bis Nove Udoli (deutsch: Neuthal) schon relativ gut ausgebaut war und dort regelmäßig Züge verkehrten und immer noch verkehren. Lediglich die deutsche Seite brachte es nicht zustande, die Verbindung zu verbessern. “Zu unwirtschaftlich” hieß es von der Deutschen Bahn. Für Außenstehende sei gesagt: Passau ist für die Tschechen (und umgekehrt Budweis für die Deutschen) ein beliebtes Urlaubs- und Einkaufsziel. Wöchentlich strömen Tschechen in Reisebussen nach Passau um sich die Stadt und selbstverständlich die Geschäfte anzusehen. Oder um genau zu sein: Leer zu kaufen. Ich versteh bis heute nicht, wie die es schaffen 10 Paletten Kaffee in den Bus zu schieben…

Wie auch immer. Die Ilztalbahn blieb also stehen. Die Strecke verwilderte und verwahrloste weitere Jahre, in denen heiße Debatten über ihre Zukunft geführt wurden. Ein Radfanatikerverein wollte mit allen Mitteln einen Radweg drüber pflastern. Gibt ja noch nicht genug davon in der Region. Das solle Touristen anlocken, die zu Radausflügen heranreisen. Wie allerdings diese Touristen ohne Verkehrsanbindung in die Region um den Bayerischen Wald kommen sollten, blieb offen. Schien Dombaumeister Hauck, damaliger Vorsitzender des Förderverein Radwegenetz im Unteren Bayerischen Wald e.V, auch nicht zu interessieren. Er findet Fahrräder ganz toll und Eisenbahnen sind alle doof.

Um diese Schnapsidee zu verhindern, wurde 2005 der Förderverein Ilztalbahn e. V. durch Thomas Schempf und Helmut Streit gegründet. Ziel war und ist es weiterhin die Ilztalbahn zur realen Alternative zu sonstigen Verkehrsmitteln zu machen.

Leopiermühle - http://goo.gl/oXVzJQ
Leopiermühle – http://goo.gl/oXVzJQ

Die Reaktivierung der Strecke Passau-Freyung war eines ihrer obersten Ziele. Die DB Netz AG hatte bereits einen Freistellungsantrag genehmigt bekommen, um die Strecke aus den Bilanzen streichen zu können. Teile davon sollten an die jeweiligen Kommunen verkauft werden. Gegen heftigen Widerstand seitens der Kommunen (vor allem Stadtrat Freyung und Kreistag Passau) und Bahn konnte der Verein 2008 den weiteren Abbau verhindern. Ruderting und Röhrnbach fanden das nicht so toll, aber das Eisenbahnbundesamt lehnte deren Einwände ab. Der Freistellungsantrag der Bahn wurde durch Widerspruch des Ilztalbahnvereins abgelehnt. Die Jahre danach wurde Pachtvertrag mit der DB Netz AG und Betriebsgenehmigung vom Ministerium eingeholt.

Mit knappen 8 Millionen Euro aus allen möglichen Fördergeldern, sowie Eigenmitteln, sanierte der Förderverein ca. 50 Kilometer der Strecke und richtete Busverbindungen nach Nove Udoli ein. Eine direkte Zugverbindung ist also bisher nicht möglich, aber es wird daran gearbeitet. Zwischendurch meldete sich der Fahrradverein mit einem Bürgerbegehren, der allerdings abgelehnt wurde. Am 17. Juli 2011 wurde die Ilztalbahn endlich offiziell eröffnet. Die Busverbindungen wurden zuerst durch den Förderverein bestellt, später vom Kreistag Freyung-Grafenau übernommen. Offenbar war die ganze Sache nun doch interessant. Mittlerweile hat sich die Ilztalbahn in ihrer heutigen Form etabliert, wobei deren Zukunft auch weiterin ungewiss bleibt. Allein 2014 fuhren bis zu 42000 Gäste mit, Tendenz steigend. Es kommt wohl drauf an, wie gut sich der Verein und deren Unternehmen halten kann. Dafür braucht es möglichst viele Fahrgäste. 😉 Die meisten der Lokführer arbeiten Ehrenamtlich. Gleiches gilt für Zugbegleiter und sonstige Mitarbeiter. Sie alle opfern ihre Freizeit, um die Ilztalbahn zu dem zu machen, was sie einst war.

http://goo.gl/WoDfPK
Streckenverlauf Ilztalbahn (grün) – http://goo.gl/WoDfPK (PDF)

Jetzt ist es möglich nach Budweis zu kommen, ohne erst über Linz zu fahren. Trotzdem dauert die Fahrt auch dort bis zu 4 Stunden, da ein Umstieg auf eine Buslinie derzeit unumgänglich ist. Zudem fahren sowohl die Ilztalbahn als auch die tschechische Bahn so ziemlich jeden Kleinbahnhof an, was die Fahrzeit selbstverständlich deutlich verlängert. Ist die Strecke nach Nove Udoli erst einmal ausgebaut, dürften schnellere Verbindungen möglich sein. Ca. 2 Stunden oder weniger sollten realistisch sein, je nach Anzahl der Haltestellen und dem eingesetzten Zug. Bis dahin vergeht aber noch einige Zeit. Dennoch gebe ich eine klare Reiseempfehlung, denn die Ilztalbahn bietet auch andere interessante Reiseziele, wie beispielsweise den Freizeitpark Bayerischer Wald. Die “Wälder” in Städten wie München sind dagegen Spielzeuggärten. Dort gibt es Bäume, so hoch wie Hochhäuser. Man kann auf eine Aussichtsplattform steigen und sich die Gegend von oben ansehen. Durchaus empfehlenswert. 😀

Zum Weiterlesen:
Bahnstrecke Passau-Freyung
Förderverein Ilztalbahn
Ilztalbahn
ÖDP Passau
schoenleber (PDF)
Bayerischer Wald


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